Samstag, 27. Januar 2018

Die neue westliche Religiosität

Im Lauf des 20. Jahrhunderts und der bisherigen Jahre des neuen Jahrtausends haben sich die westlichen Menschen immer mehr vom Christentum gelöst, weil sie ja ach so aufgeklärt und modern sind und sich keine frommen Vorschriften mehr machen lassen wollen. Sie wollen frei sein.

Ohne es zu merken, haben sie im Zuge dieses Prozesses aber eine neue "Religion" geschaffen. Sie ist in vielen Punkten das genaue Gegenteil der alten und weist doch überraschende Analogien auf.

So wurde die Nächstenliebe abgeschafft; an ihrer Stelle steht die Solidarität. Das sieht zunächst einmal nach keinem so schlechten Tausch aus. Aber konnte man früher selbst und individuell entscheiden, wem man seine Zuwendung und Hilfeleistung zukommen lassen wollte, entscheiden das jetzt Organisationen wie Parteien und Gewerkschaften. Und wehe dem, der sich mit den "falschen" Leuten solidarisch erklärt!

Bestimmten jahrhundertelang die biblischen Wahrheiten bzw. kirchlichen Dogmen das Denken der Menschen, so stellt sich der postmoderne Mensch ganz individuell zusammen, was er glaubt. Maßstab ist dabei einzig, was ihm gefällt. Atheismus, Buddhismus, Hinduismus, Naturreligionen, Kommunismus usw. dienen als Steinbruch, aus denen man sich die Elemente seines Weltbildes, Glaubens und Denkens holt und zusammenstoppelt. Das Ergebnis ist ein mehr oder weniger bunter intellektueller Cocktail. Und basierte der christliche Glaube auf Logik und war in sich mehr oder weniger geschlossen, so stört es heute niemand, daß die einzelnen Versatzstücke seines Glaubens einander munter widersprechen und gegenseitig ausschließen. Man wirft dem Christentum vor, daß es mit der menschlichen Vernunft unvereinbar sei, und hat ihn ersetzt durch einen völlig irrationalen geistig-religiösen Mischmasch. Logisch ist, was gefällt.

Man hat den Gott der Bibel vom Thron gestoßen (das meint man jedenfalls). Das so entstandene Vakuum wird dadurch gefüllt, daß jeder sich selbst an Gottes Stelle setzt. Der Götze der Postmoderne ist das Ich. Die Mainstream-Religionswissenschaft, die evolutionistisch denkt, glaubt, daß die Religion sich vom Primitiven zum Komplexen entwickelt hat, also letztlich vom Polytheismus und den Naturreligionen zum Monotheismus von Judentum, Christentum und Islam. Diese "Entwicklung" wird nun umgekehrt. Wir leben wieder in der Naturreligion, die man heute Esoterik nennt, und in der Vielgötterei der Vergötzung des Ichs.

Früher war der Mensch mehr oder weniger von Gottesfurcht geprägt. Das ist der Glaube an einen heiligen, gerechten Gott, der eines Tages von uns Rechenschaft über unser Leben fordern wird. Das hatte großen Einfluß auf die Verhaltensweise der meisten Menschen. Davon hat man sich befreit: Es gibt kein Leben nach dem Tod. Wenn ich mich also rechtzeitig durch Suizid jedem menschlichen Gericht entziehe, kann ich vorher die größten Gemeinheiten begehen und bin trotzdem fein raus. Das bedeutet aber keineswegs, daß der postmoderne Mensch keine richtende Instanz über sich hat. Nur ist das heute die "political correctness": Wehe dem, der etwas tut oder sagt, wovon sich eine gerade hofierte Minderheit diskriminiert fühlen könnte!

Unsere Gesetzgebung und Rechtsprechung beruhten früher mehr oder weniger auf den Zehn Geboten der Bibel. In dem Maße, wie sie dem Zeitgeist widersprechen, wird das mehr und mehr abgeschafft. Nicht nur die Existenz absoluter Wahrheiten wird geleugnet, sondern es gibt auch keine absoluten moralischen Maßstäbe mehr (naja, bis auf ein paar Rudimente, ohne die eine freiheitliche Gesellschaft nun einmal nicht auskommen kann), die für jeden Menschen gleichermaßen gelten. So darf ja z.B. eine Mutter bei jeder Schwangerschaft entscheiden, ob ihr Kind leben soll oder nicht. Das wird mehr und mehr als Menschenrecht betrachtet. Wieso die ungeborenen Kinder de facto keine Menschenrechte haben, das hat noch niemand erklären können (oder wollen). Dennoch gibt es ein einziges, ehernes, absolut und ohne jede Einschränkung gültiges Gesetz: das der Toleranz. Dem postmodernen Menschen kann kaum etwas Schlimmeres passieren, denn als intolerant gebrandmarkt zu werden. Und das blüht ihm schon, wenn er z.B. die Frechheit besitzt, nicht daran zu glauben, daß Homosexualität angeboren ist. Dann trifft ihn die ganze, geballte Intoleranz der Toleranzapostel.

Ich bin dagegen tolerant genug, es dem Urteil der "Leser*Innen"* dieses Blogs zu überlassen, ob wir mit der neuen Religiosität einen guten Tausch gemacht haben.

*Wer sich dem Diktat dieser Sprech- und Schreibweise nicht beugt, der zieht sich in unserer ach so freiheitlichen Welt den Zorn der Sprachdiktatoren zu.